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"Der Zauber von Weihnachten"


Predigt von Tadeusz Prokop

Weihnachtszauber im persönlichen Empfinden

Ich bin nicht nur ein irrer Fußballfan, sondern, wie wahrscheinlich die meisten von Ihnen, auch ein leidenschaftlicher Anhänger von Weihnachten. Deshalb habe ich mir mit dem Vorschlag meiner Familie schwer getan, in diesem Jahr auf den Christbaum zu verzichten. Ohne ihn wäre für mich Weihnachten irgendwie sichtlich entzaubert! Zum Schluss haben wir doch den Weihnachtsfrieden geschlossen: der Baum durfte aufgestellt werden, musste aber 20 cm kleiner sein.
Ja, es gibt den Zauber von Weihnachten! Nicht nur für Kinder! Spüren Sie dieses Geheimnis?  Das Besondere dieser drei Tage? Es ist doch wirklich so, dass zu Weihnachten die Welt anders ist. Im Advent gibt es viel Stress. Aber jetzt scheint alles verzaubert zu sein, es breitet  sich eine magische Ruhe und Stille aus.  Alles klingt anders, riecht anders, sieht anders aus - auch Sie sehen ein wenig verwandelt aus. Die Menschen fühlen anders, ja glauben vielleicht ein bisschen anders  als sonst.

Weihnachtszauber oder vielleicht doch billige Sentimentalität
Die Gegenposition, die Weihnachten als  Gefühlsbrei und Ansammlung von rührseligen Geschichten bezeichnet, ist uns allen gut bekannt. Hermann Hesse schrieb bereits 1917: "Unsere Weihnacht ist, von den paar  Frommen abgesehen, ja schon wirklich lange eine Sentimentalität. Zum Teil ist sie noch Schlimmeres geworden, Reklameobjekt, Basis für Schwindelunternehmungen, beliebtester Boden für Kitschfabrikation.“  Die Kritik kommt bekanntlich auch aus den kirchlichen Kreisen. Unter dem Schlagwort „Profanierung“ wird vor allem vorgetragen, dass das Weihnachtsfest entchristlicht und zu einem Familienfest für jedermann geworden sei. Der Glaubensgehalt gehe dabei über weite Strecken verloren. Stattdessen nehmen Kitsch, Kommerzialisierung, Hektik und Stress  zu.  

Den Zauber von Weihnachten nicht abwerten
Auch wenn das alles bestimmt wahr ist: ich möchte diese Art des Feierns nicht abwerten und über sie herziehen. Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass Menschen sie brauchen, ja nötig haben. Vor Jahren haben wir in unserer alten Kirche ein Weihnachtsspiel vorgetragen. Es war betitelt: „Weihnachten wird abgeschafft!“. Ich sehe noch die Gesichter der Menschen die von diesem Vorschlag der Gemeindeleitung überrascht und schockiert waren. Aber keine Angst. Weihnachten ist längst ein "Selbstläufer" geworden und wenn es dieses Fest nicht gäbe, würde man es auf jeden Fall erfinden müssen. Mich bewegt eher die Frage, was steht hinter diesem Bedürfnis? Warum tut uns Weihnachten so gut? Was macht den Zauber dieses Festes eigentlich aus?
Zuerst verzaubert uns Erwachsene Weihnachten deshalb, weil es Erinnerungen an unsere Kindheit weckt.
Jemand hat geschrieben: „Gerade manche Kindheitserlebnisse erweisen sich erst im Rückblick als Sternstunden der eigenen Biographie.“ Es muss nichts Besonderes sein, aber der Zauber eines Weihnachtsabends (Anspannung, Bräuche, Traditionen) kann eine solche Sternstunde sein. Auch Erinnerung an damals, als alles noch gut, einfach und unkompliziert war, übt eine magische Kraft aus.
Und dann weckt Weihnachten unsere Grundsehnsüchte. Wir alle möchten in unserem Leben intakte und gute Beziehungen haben.
Deshalb setzen wir zu Weihnachten ein Zeichen des Dankens und der Verbundenheit mit den Familienangehörigen, Verwandten, Freunden, Mitarbeitern und Vereinsmitgliedern.  Weiterhin besteht auch ein hoher Bedarf, uns selbst etwas Gutes zu tun, am Ende des Wirtschaftsjahres, wenn alles gut gelaufen ist. Weihnachten soll etwas Licht in unseren grauen Lebensalltag bringen.
Und schließlich besteht ein hoher Bedarf auch an jene Menschen zu denken und für sie etwas zu tun, die sich auf der Schattenseite des Lebens befinden
Deshalb werden in dieser Zeit so viele  Spendenmarathons gestartet,  die unter dem Jahr kaum eine Chance auf Aufmerksamkeit hätten.

Das Licht will uns verzaubern!
Wie passend dazu scheint das alte Wort aus der Bibel zu sein, das, obwohl hunderte Jahre vor Christi Geburt geschrieben, in den Kirchen zu einem beliebten Weihnachtstext geworden ist: Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. (Jesaja 9,1).
Am 27. Dezember gehört der Weihnachtszauber  wieder der Vergangenheit an und einige Tage später verlöschen die vielen Lichter, die in dieser dunklen Zeit unsere Straßen und Häuser beleuchten. Danach spüren viele die Dunkelheit in ihrem Leben sogar deutlicher als vorher. Das muss aber nicht sein! Wenn das Licht über uns aufgeht und wir es aufnehmen. Dann wird dieses Licht uns verwandeln. Und wir werden merken, dass man nicht nur zu Weihnachten lieb zu den anderen sein soll. Dass man nicht nur zu Weihnachten teilen soll. Dass man nicht nur zu Weihnachten anderen eine Freude machen soll. Wir machen vieles nur an Weihnachten und danach ein Jahr kaum etwas davon.  Der Mann nimmt sich das ganze Jahr über kaum Zeit für seine Familie, und dann gibt’s eine teure Halskette für die Frau und tolles Spielzeug für die Kinder. 
Der Glaube entfaltet im Leben des Menschen eine Kraft die ihn trägt weit über den Zauber des Weihnachtsfestes hinaus. Wenn wir uns an diesem Licht täglich wärmen und Gott bitten dass er sein Licht auf unseren Lebensweg wirft.  Dann wird es auch strahlen für alle, die den Weihnachtszauber wenig spüren, weil ihnen gerade jetzt die dunkle Seite des Lebens schmerzlich bewusst wird: wenn ein Familienmitglied fehlt, weil es gestorben ist. Wenn die Kinder mit Mutter und Vater nicht feiern können, weil diese sich getrennt haben. Wenn eine schwere Krankheit ausbricht. Wenn man anderen gerne eine Freude machen würde, aber das Geld nicht reicht. Dieses Licht ist nämlich für alle da, die im Dunkeln sitzen. Für die, die ihr Leben nicht selbst zum Leuchten bringen können. Für die, die an der Finsternis leiden. Für die, die den Zauber der Weihnacht nicht spüren.

Wir könnten den Zauber dieses Weihnachtsfestes für die Erneuerung unseres Glaubens nützen und von diesem Zauber der Erneuerung und Verwandlung das ganze Jahr leben. 

Blue Flower

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