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"Die Torheit des Kreuzes"

die torheit des kreuzes - internetgottesdienst aus judenburgPredigt von Tadeusz Prokop

"Edle Tat" stieß auf kein Verständnis
Warum musste Jesus sterben?
Warum wird ausgerechnet das Kreuz, ein grausames  Folterinstrument zum  Erkennungszeichen der Christen?
Im Jahre 1961 lag ein Geldbeutel mit fast einer Millionen Mark auf der Straße. Durch eine Kette von unwahrscheinlichen Zufällen war dieser Beutel aus einem Geldtransportwagen herausgefallen. Ein arbeitsloser Hausmeister fand das Geld und übergab es der Polizei. Sein Bild kam in die Zeitungen. Er wurde gelobt für seine Ehrlichkeit. Ganz anders reagierten die Menschen, die davon erfahren haben.   Sie schrieben ihm anonyme Briefe, in denen es  hieß: „Du blöder Depp. So viel Geld und du gibst es einfach zurück!“ Es gab Hunderte von Vorschlägen, was er mit dem Geld hätte anfangen können: z.B. ins Ausland zu fliehen oder es bei Pferdewetten einzusetzten. Als er Arbeit suchte, wurde ihm gesagt: „Sie hätten nicht arbeiten müssen...Sie sind ein Idiot.“  Seine Kinder wurden in der Schule verspottet. Eines Tages erschien eine Frau an der Tür und sagte: „Ich wollte nur sehen, ob Sie so blöd aussehen, wie Sie sind.“  So groß waren das Unverständnis der Umgebung und das Kopfschütteln der Menschen auf diese Tat!

Kein Verständnis für das Kreuz

Das Kreuz ist heute selten ein Ärgernis. Hin und wieder hören wir zwar von Klagen gegen das Kruzifix in den Schulräumen. Die Darstellung des gefolterten Jesus am Kreuze soll die Psyche des Kindes belasten. Deshalb sollte man es entfernen um die Kinder davor  zu schützen. Vielmehr aber als Ärgernis ist dieses Unverständnis, das dem Kreuze entgegengebracht wird.  Keine Frage:  das Kreuz wurde in 2000 Jahren salonfähig gemacht. Überall begegnet uns das Kreuz: als Schmuck  in Holz, Gold, Silber  oder Elfenbein, an Kirchtürmen als weithin sichtbares Zeichen,  als Objekt der Kunst in Museen, als Symbol  auf Rettungsautos, in  öffentlichen Räumen, in vielen  Häusern als Ausdruck der  Frömmigkeit oder einfach als dekoratives Element.  
Was soll  daran aber positiv sein? Ein junger Mann nach kurzem Wirken wird von seinen Schülern verraten und verleugnet; von seinen Gegnern verspottet und verhöhnt; von Gott und Menschen verlassen; einem scheußlichen Ritus des Sterbens übergeben.

Im Jahre 63 v. Chr. erlebte die Weltstadt Rom einen Skandal ersten Ranges. Auf dem Forum Romanum kam es zur öffentlichen Gerichtsverhandlung.  Cäsar Cicero verlangte für den alten Senator Gaius Rabirius die Todesstrafe. Eine ganz bestimmte dazu, die seit Jahrzehnten bei keinem Römer mehr angewandt worden war: die Kreuzigung. Es wurde ihm Landesverrat vorgeworfen. Cicero, sein Verteidiger appellierte im Namen des Volkes mit folgenden Worten an das Gericht:  "Wenn es schon ein Verbrechen ist, einen römischen Bürger zu fesseln, (…) was bleibt mir dann noch über den Tod am Kreuz zu sagen? Etwas so Schändliches entzieht sich jeder Beschreibung, weil es einfach keine Beschreibung dafür gibt".  Die Spezialisten des Folterhandwerkes sagten mit Respekt: "Bei einer Kreuzigung hauchte man seine Seele tröpfchenweise aus".

Der moderne Mensch tut sich mit dem Kreuz auch deshalb so schwer, weil es ihm sein Lebenskonzept durchkreuzt. Er möchte sich selbst verwirklichen, alles in der Welt genießen und das Beste für sich herausholen. "Das Leben ist kurz - genieße es" heißt für viele die Devise. Mit  einem lächelnden Buddha würde man sich vielleicht leichter tun als mit diesem Jesus von Nazareth. Einem  Mann, der keinen Erfolg zu seinen Lebzeiten hatte und dessen Leben nur ein Fragment war.  Der Leidende und Hingerichtete ist auch heute  ein Skandalon! Eine Provokation!

Gründe warum Jesus sterben musste

Wäre es nicht wirklich besser - wie im Film von Martin Scorsese "Die letzte Versuchung Christi" - vom Kreuz herunter zu steigen? Ich bin froh, dass Jesus es nicht getan hat.
Am 27. März 1996 wurden nachts sieben französische Mönche des Trappistenordens aus ihrem Kloster in Algerien entführt. Die Entführer waren Mitglieder einer islamistischen Terrorgruppe. Später konnten nur noch die Köpfe der enthaupteten Männer im Alter zwischen 45 und 82 Jahren entdeckt werden. Ihre Körper wurden nie gefunden. Über das Schicksal der Märtyrer wurde nun ein zutiefst bewegender Film unter dem Titel "Von Menschen und Göttern" gedreht. Der Film zeigt Szenen aus den letzten Monaten der Mönche. Die fromme Männergemeinschaft pflegt eine enge Verbindung mit dem nahen Dorf und seinen Menschen. Der gelehrte Abt Christian studiert neben der Bibel auch den Koran. Alles deutet allerdings darauf hin, dass die Mönche sich in Todesgefahr befinden. Sie stehen vor der Alternative, das Kloster zu verlassen oder den Märtyrertod zu riskieren. Die Meinungen unter den Mönchen sind gespalten. Nach langem Ringen haben sie sich dazu entschlossen, zu bleiben. Sie taten das aus tiefempfundener Verantwortung für ihre Mission, ihren Glauben und die Menschen in dem Dorf.

Das Kreuz zeigt uns, dass Jesus seiner Mission treu geblieben ist. Er hat den Tod nicht gesucht, hätte er aber auf diese Konsequenz seines Wirkens verzichtet, würde seine Botschaft unglaubwürdig. Das macht Scorsese übrigens zum Thema seines Filmes. Die Versuchung zum Verzicht auf den Kreuzestod erweist sich zum Schluss als böser Traum. Deshalb stirbt Jesus nach der Darstellung von Scorsese mit einem Lächeln im Gesicht.

Das Kreuz ist deshalb ein Spiegelbild der Menschheit, der Sünde wenn man so will. Es zeigt uns den Naturzustand des Menschen, ja wozu der Mensch fähig ist.  Dass der Mensch des Menschen Wolf ist oder frei übersetzt und milde ausgedrückt: dass der Mensch sich gegenüber seinen Mitmenschen unmenschlich verhält. Das Kreuz ist eine erschütternde Analyse der  Wirklichkeit in der wir uns  befinden.  Deshalb ist das Kreuz auch ein Zeichen der Erlösung. Das ewige Leben, das hier auf Erden beginnt erhalten wir nur durch das Kreuz: wenn wir unsere Schuld begreifen, diese bekennen und uns vom neuen Leben, das von Gott kommt, beschenken lassen.

Kreuz im Glauben erkennen

In meinem Arbeitszimmer hängt ein schönes Kunstkreuz. Ich habe es zu meiner Priesterweihe bekommen. Als ich mein Land verlassen musste, habe ich es als Begleiter in meine unsichere Zukunft mitgenommen. Wenn ich jetzt auf dieses Kreuz blicke, weiß ich, dass Gott immer anwesend ist, sogar im größten Unrecht, in der größten Einsamkeit, in der größten Sinnlosigkeit, Verlassenheit, Leere, Anfeindung, im Leid und Tod  bleibt er  da, bleibt er bei mir. Der "natürliche Mensch" kann es nicht erkennen. Nur wer "zu Kreuze kriecht", wie Luther es formulierte, bekommt dafür das Licht der Erkenntnis, das außerhalb der Vernunft liegt. Aus einem Zeichen der Schmach wird ein Zeichen des Sieges, des Friedens und der Trost! Eine erstaunliche Heilserfahrung, ein Lebensweg auf den man nicht mehr verzichten möchte.

 

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