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"Heute schon gelebt?"

heute schon gelebt? Live Gottesdienst Predigt
Predigt von Tadeusz Prokop

Glücklich gelebt und gestorben
Diesen Besuch im Krankenhaus werde ich nicht so schnell vergessen. In der Verwaltung hörte ich, dass die Kranke im Sterben liegt. Auf dem langen Weg zu ihr  blickte ich kurz in die Unterlagen. Aus ihnen erfuhr ich, dass sie auf die 100 zugeht. Als ich mich über ihr Bett beugte um sie behutsam aus dem Schlaf zu wecken, machte sie langsam ihre Augen auf. Sie hat mich eine Weile beobachtet, wohl überrascht über das unbekannte Gesicht.  In diesem Moment stellte ich mich kurz vor. Die Dame  strahlte eine ganz eigene Eleganz und Ruhe aus. Nach einer Weile drehte sie  ihren Kopf  Richtung Fenster und schaute gen Himmel. An ihrem herzlichen Lächeln merkte ich, dass sie Freude an meinem Besuch hat.  Als ich ihr die Kommunion reichte, hat sie ihre Augen wieder  geschlossen und sie füllten sich bald voll mit  Tränen. Ihr Gesicht erschien mir so klar und so glücklich, dass ich den Eindruck bekam als hätte der Himmel die Erde geküsst. Im Trauergespräch hörte ich, dass die Verstorbene das Leben über alles geliebt hat und dass sie es leidenschaftlich mit allen Tiefen und Höhen lebte. Die Hinterbliebenen waren davon überzeugt, dass ihr Sterben der Spiegel ihres Lebens gewesen war.  Beim Auszug des Sarges aus der Kirche wurde ein Song von der Queen der südafrikanischen Musik, Miriam Makeba vorgespielt.  Die Verstorbene  hat nämlich völlig unerwartet - sie war damals etwa 50 Jahre alt - ein Schiff bestiegen, das sie nach Südafrika brachte. Das war ihre Reaktion auf eine Beziehung, die kurz davor in die Brüche gegangen ist. Auf dem schwarzen Kontinent hat sie  sich über mehrere Monate aufgehalten und viele Freunde und Kraftquellen für das Leben gefunden. Wie anders war die Begegnung, die ich kürzlich in einem Altenheim hatte. Ich besuchte ein Ehepaar, das vor einigen Monaten dorthin übersiedelt ist.  Danach sprach ich kurz mit der  Tochter der beiden, die mich zum Ausgang begleitete. Sie kam auf meinen Besuch zurück: "Wenn ich meine Eltern beobachte - sagte sie -  dann ist das Leben an ihnen vorbeigerauscht. Ein Leben lang gekämpft, ein paar positive Höhepunkte, aber jetzt sind sie alt und krank. War das schon alles? Ich hoffe stark, dass mich nicht das gleiche Schicksal erwartet"

Die große Vision für das Leben - Dasein!
Wie können wir unser Leben sinnvoll gestalten? Wie können wir leben um dieses kostbare Gut nicht zu verschwenden?  Was müssen wir tun um zu spüren, dass das Leben an uns nicht vorbeirauscht?
Während des Baus einer der größten Brücken New Yorks wurde der Architekt schwer krank. Es dauerte lange, bis er wieder genesen war. Schließlich war die Brücke fertig. Als dann der Einweihungstag kam, ging es ihm wieder so gut, dass man ihn mit dem Krankenwagen an das Flussufer fahren konnte, wo er von einer Tragbahre aus  zusehen konnte. Als er das vollendete Bauwerk sah, sagte er mit glänzendem Blick: «Alles stimmt genau mit dem Plan überein.»
Was kann uns vor der Sinnlosigkeit des Lebens schützen um eines Tages nicht fragen zu müssen "War das schon alles?" sondern um sagen zu können: "Ja, alles war so wie es sein sollte".
Pier Stutz, ein katholischer Theologe aus der Schweiz, Autor und spiritueller Begleiter, erzählt in seinem 2011 erschienenen Buch "Was meinem Leben Tiefe gibt"  von einer Begegnung mit dem Team, das für den Fernsehkultursender 3sat von ihm ein Porträt  realisiert hat. Der Regisseur fragte ihn, was er sich für sein Leben am meisten wünscht. Vor laufender Kamera kam eine spontane Antwort: "Meine größte Vision ist die Hoffnung, mehr in und aus der Gegenwart zu leben".

Der große Mystiker des früheren Mittelalters, Meister Eckhart, wurde in unseren Tagen neu entdeckt. Aus einem Grund vor allem: weil er uns angesichts unserer  schnellen, kurzlebigen Zeit viel zu sagen hat. Einer dieser Gedanken von ihm lautet: "Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart". Dazu fällt mir spontan ein:

Und wohl auch eine der Schwierigsten! Weil die meisten Menschen die Gegenwart nicht für wichtig halten. Manchmal höre ich einen Einwand: "Ach dieser Satz, lebe jeden Tag als ob's der letzte wär' ist doch ein Schmarrn. Was sollen wir anders machen. Ich täte gar nichts anders machen".  Die meisten machen es aber anders:
Je älter sie werden, desto mehr leben sie aus der Vergangenheit und sehnen sich nach den guten alten Zeiten. Und die Jüngeren sind meist mit der Zukunft beschäftigt. Ihre Kalender sind voll, ihre Tage sind verplant, ihre Zeit ausgebucht. Sie haben keine Zeit für das Erwachen zum Hier und Jetzt, haben sich der Arbeit und dem Erwerb verschrieben, der Karriere, dem Häufen von Reichtümern aller Art. Sie leben für die Kinder, die kommenden Generationen, für ihr Auto, ihr Haus, ihr Boot …nur nicht für sich selbst. Meister Eckhart bringt es auf den Punkt: "Der wichtigste Mensch ist der, der dir gegenüber steht". Und wir könnten es fortsetzen: Das wichtigste Tun ist das, was du gerade tust, die schönste Freude, die, die  du gerade erlebst und der tiefste Schmerz, der, den du soeben empfindest. Möge Gott uns diese Kraft zu einem achtsamen Dasein schenken, in dem wir gut mit uns selbst und mitfühlend mit anderen sind.
"Jeden Tag, den ich habe, den will ich leben und ich will spüren, dass ich lebe" - möge dieses wunderbare Lied, das im Film  "Wie im Himmel" von Gabriele sehnsüchtig gesungen wurde, tief in unsere Herzen dringen.

Gottes Kraft in der Gegenwart erleben
Manchmal frage ich mich, warum der christliche Glaube so kraftlos ist. Warum ihm die Leidenschaft fehlt. Warum die christliche Religion eher an ein Spiel erinnert, das zwar gerne gespielt wird, es aber mit dem Leben so wenig zu tun hat? In jedem Gottesdienst findet dieses Spiel statt: Es werden Worte gebraucht, gesprochen und gesungen. Es treten Akteure auf und es gibt ein Publikum. Das es sinnlos ist, sieht man daran, dass nach dem schönen Religionsspiel im Grunde niemand anders ist als vorher. Das Leben und der Charakter der Spielenden bleiben nicht anders als bei vielen, die Religion überhaupt nicht interessiert. Und ich frage mich ernsthaft ob es nicht damit zu tun hat, dass wir so wenig in der Gegenwart Gottes leben? "Siehe: jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Zeit des Heils" (2. Korinther 6,2). Nicht gestern und nicht morgen, sondern hier und jetzt. In Bedrängnissen, in Not und in Ängsten, wenn wir der Bosheit der Menschen ausgeliefert sind, wenn wir arbeiten, Schmerz und Freude erleben, spüren wir, dass Gottes Heiliger Geist mit uns ist. Als ich der Sterbenden die Kommunion gereicht habe, sagte sie einen einzigen Satz: "Er ist bei mir, jetzt kann ich gehen".  Sie spürte die Kraft für den letzten Schritt ihres Lebens. Und es war Hier und Jetzt. Ihr Gesicht strahlte vor Freude!

Wach zum Hier und Jetzt auf
Gerlinde Kaltenbrunner, eine österreichische Extrembergsteigerin, die zu den Besten der Welt zählt, musste im August 2009 beim Aufsteigen zum K2, kurz vor dem Gipfel umdrehen. Ihre Entscheidung wurde als höchst professionell bezeichnet. Viele, die sich in ähnlicher Situation befanden und weiter marschiert sind, mussten es mit dem Leben bezahlen.
Das Erwachen zum Hier und Jetzt ist kein Schmarrn! Wer gegenwärtig lebt wird das Leben gewinnen und den Lebensatem Gotts spüren.





 

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