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"Stille entdecken"

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Predigt von Tadeusz Prokop

Stummes Gespräch – keine leicht Übung
Manchmal biete ich im Unterricht ein stummes Gespräch an. Das klingt etwas seltsam. Ein stummes Gespräch? Stummsein und sprechen  schließen sich doch aus! Diese Übung eignet sich besonders gut zur Bildbetrachtung. Die Schüler werden gebeten, ein Bild zuerst in aller Ruhe zu betrachten. Danach beginnt einer von ihnen seine Gedanken auf ein Blatt zu notieren. Anschließend gibt er es an seine Nachbarn weiter. Die Schüler ergänzen nach und nach was sie sehen. Diese Übung soll die Konzentration fördern. Für die meisten Schüler ist es aber schwer, die Regeln einzuhalten und die Stille auszuhalten. Das sind sie nicht gewöhnt. Deshalb muss ich sie immer wieder mit dem Ruf „Seid still“ ermahnen und daran erinnern, dass dieses stumme Gespräch tatsächlich in der Stille zu führen ist.
Jemand meinte zu recht, dass das schwerste, was die Menschen des 21. Jahrhunderts ertragen können, die Stille ist. Anders ausgedrückt: Wir sind zu laut und sind an das laute und lärmende Leben gewohnt: Straßenverkehr, Luftverkehr, Autobahnen, Radio, Fernsehen. Aber auch die sogenannte „Stillste Zeit des Jahres“, die Zeit vor Weihnachten, ist laut und hektisch und alles andere als besinnlich.
Der französische Schriftsteller Antoine de Sain-Exupery schreibt in seinem Buch „Die Stadt in der Wüste“, dass er eine Hymne auf die Stille singen möchte. Für ihn war Stille ein besonders hohes Gut.
Wie könnten wir zur Einsicht gelangen, dass Stille wirklich gut ist und dass wir uns den „Luxus der Stille“ gönnen sollten. Und entdecken, dass Stille für den Glauben außerordentlich wichtig ist?

Stille hat viele Facetten
Wobei Stille nicht unbedingt bedeuten muss, dass nicht gesprochen wird. Stille ist nicht immer Geräuschlosigkeit. Es gibt nämlich auch die innere Stille und Ruhe und das Gegenteil davon, nämlich innere Unruhe, und Hektik. Ich kann mitten im Lärm und in der Geschäftigkeit  des Tages in meinem Inneren ruhig, still und gelassen sein. Und es kann um mich herum still sein, während es  in meiner Seele aber vor Unruhe und Anspannung tobt.

Äußere Stille
Gar keine Frage, dass die Stille, die für unsere Ohren gedacht ist, außerordentlich wichtig ist. Jemand hat die Ohren als Fenster zur Seele bezeichnet. Wie schlimm muss es für die Seele sein, wenn durch diese herrlichen Organe nicht Stille sondern Dauerbeschallung gelangt.
Der 19-jährige Tom Reid hatte sich gerade erst als Student an der Universität eingeschrieben und nahm, wie sich das gehört, an einer Erstsemestrigen-Party in einem Londoner Club teil, um den Start seiner akademischen Karriere zu feiern. Tom und seine Freundin Alisha wurden durch die Menge in die Nähe der Lautsprecher gedrängt. Plötzlich spürte Tom, wie etwas mit seinem Herzen nicht mehr stimmte. Zu Alisha sagte er: „Mein Herz fühlt sich so merkwürdig an. Ich glaube, es liegt am Bass. Oh mein Gott, ich fühle mich ganz komisch. Mein Herz schlägt so schnell." Kurz darauf brach Tom zusammen und wurde ins Spital gebracht. Nicht einmal zwei Stunden später konnten die Ärzte nur noch seinen Tod feststellen. Vermutlich hatte die laute Bassmusik aus den Lautsprechern das Herzversagen ausgelöst.
Lärm - das Gegenteil der Stille - ist  tödlich! Wer im ständigen Lärm lebt, im Chaos und in der Hektik, ohne die Inseln der Stille, der erkrankt an seiner Seele und in der Regel auch an seinem Körper. Ohne Stille und Ruhe wird der Mensch nie zur Fähigkeit gelangen, tiefer  sehen und spüren zu können und er wird folglich auf der Oberfläche leben.

Gottes Pläne lassen sich nur in der Stille erkennen
Im Leben von Jesus, wie es in den Evangelien beschrieben wird, gibt es eine "schockierende" Botschaft der Stille. Die Weihnachtsgeschichte bei Matthäus endet nämlich mit der merkwürdigen Feststellung: "So kamen Maria, Josef und das Kind Jesus nach Nazareth und ließen sich dort nieder". Im darauffolgenden Abschnitt  wird erzählt, dass Jesus als erwachsener Mann an den Jordan kam um sich von Johannes dem Täufer taufen zu lassen.  Das, was zwischen diesen Ereignissen steht, kann als eine große Botschaft der Stille bezeichnet werden. Fern vom Lärm der Welt, in Nazareth, einer Provinzstadt, die nicht mit einem Wort im Alten Testament erwähnt wird, hat Jesus keine Botschaft verkündet, keine Jünger um sich geschart, hat niemanden geheilt. Sein Leben in Nazareth war nicht spektakulär, ohne sichtbaren Erfolg, so still und leise, dass es nicht wert war, darüber etwas zu schreiben. Jesus hat wesentlich mehr Zeit in der Stille seiner Heimatstadt als im Lärm der Hauptstad Jerusalem verbracht. In Nazareth hat er äußerlich wenig getan, aber von Gott  unglaublich viel erhalten. Dieses Ruhen bei Gott war das Schlüsselerlebnis für sein öffentliches Wirken. In der Stille reifte sein künftiges Werk, Vertrauen und Gehorsam Gott gegenüber.

Durch Stille im Glauben reifen
Die fehlende Stille ist der Hauptgrund, warum viele Christen in ihrem Glauben nicht wachsen können. Oder warum die von ihnen erzeugte Betriebsamkeit ohne Wirkung bleibt – weil sie nicht aus dem Alleinsein mit Gott folgt.
Vor einigen Jahren hat In Posen, meiner Heimatstadt, Ende Dezember ein Taize-Treffen stattgefunden.  40 000 Jugendliche aus der ganzen Welt waren mit den Brüdern der ökumenischen Community aus Burgund versammelt. Im Gottesdienst zum Jahreswechsel wurde eine 15-minutige Stille angeordnet.  Als die Feuerkörper gen Himmel geschossen wurden und Menschen laut das Neue Jahr gefeiert haben, versankten Tausende in der stillen Meditation. Das Erlebnis der Stille hat nach dem Bericht der Teilnehmer einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen. Viele sagten, es war überhaupt das Eindrucksvollste, was sie in diesen 5 Tagen in Posen erlebt haben.
Im christlichen Leben kommt es nicht darauf an, die Bibel in- und auswendig zu kennen – wenn auch gute Bibelkenntnisse und fundiertes christliches Basiswissen wichtig sind. Ebenso  kommt es nicht darauf an, humanitäre Dienste zu leisten, wenn auch die tätige Nächstenliebe eine der wichtigsten christlichen Aufgaben für die Welt ist. Vor allem geht es darum, einen Weg zu gehen, auf dem einer durch Gottes Stimme geleitet wird und auf dem aus dem Alleinsein mit Gott, die Stärke, der Mut und die innere Überzeugung entwickelt werden.

Machen wir davon doch Gebrauch!
Auf einem Internetportal, das dem Entdecken der Stille gewidmet wurde, ist folgendes zu lesen:
Stille ist etwas Gutes. Aber wir kommen so selten dazu. Arbeit und Stille gehören zusammen. Aber oft regieren nur Stress und Hektik. Eigentlich sind wir dafür.
Aber insgeheim laufen wir davor weg.
Das Gegenteil könnte für uns gelten. Machen wir davon doch Gebrauch! Die „Stillste Zeit“ des Jahres lädt dazu ein.

 

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