Nachdenken. Glauben. Gemeinschaft.
Die Evangelische Pfarrgemeinde Judenburg — eine Kirche für Menschen, die fragen.
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Wer wir sind
Eine kleine, offene Gemeinde für Menschen, die fragen — und zweifeln dürfen.
Zeit lässt sich nicht festhalten – und doch wünschen wir uns manchmal, sie möge stehen bleiben. Ein Lied von Rammstein wird zum Ausgangspunkt für eine persönliche und spirituelle Spurensuche: Was ist Zeit eigentlich? Warum haben wir so oft das Gefühl, sie rinnt uns durch die Finger? Und wie können wir lernen, bewusster mit ihr umzugehen – zwischen Beschleunigung, Verantwortung und Vertrauen? Ein Text zum Innehalten am Jahreswechsel.Tadeusz Prokop am 9.1.2026
Und schon wieder dieses Lied von Rammstein: „Zeit“. Ich höre es immer wieder – und gerade jetzt wird es besonders aktuell. Ich merke, wie die Zeit vergeht. Der Song thematisiert die Vergänglichkeit des Moments und des Lebens. Er erzählt von einem schönen, erstrebenswerten Augenblick, der durch den Gedanken an sein Vergehen getrübt wird. Zeit in Bewegung – was fest scheint, zerfällt, während der Moment verrinnt. Foto: Allison Saeng / Unsplash
„Zeit“ war der erste neue Song der international bekannten deutschen Rockband nach mehreren Jahren Pause und erschien 2022 als Lead-Single des gleichnamigen Albums.Was ist eigentlich Zeit?
Die Zeit ist eines der geheimnisvollsten, interessantesten und zugleich allgegenwärtigsten Phänomene unserer Welt. Was ist Zeit eigentlich? Ist sie etwas Messbares – Minuten, Stunden, Kalenderblätter? Oder ist sie etwas Erlebtes – subjektiv, dehnbar, manchmal rasend schnell, manchmal quälend langsam? In unserer westlichen Kultur ist Zeit ein kostbares Gut. Pünktlichkeit gilt als Tugend, Effizienz als Ideal. In anderen Kulturen wird Zeit oft gelassener erlebt – weniger als Taktgeber, mehr als Begleiter. Viele Menschen – auch im Ruhestand – haben das Gefühl: Die Zeit rennt. Es bleibt immer zu wenig davon. Man hört Sätze wie: „Wenn ich einmal richtig Zeit habe, dann …“Aber stimmt das wirklich? Haben wir tatsächlich zu wenig Zeit? Oder haben wir nur verlernt, sie gut zu bewohnen?
Eine der hartnäckigsten Lebenslügen unserer Zeit ist der Glaube, keine Zeit zu haben. „Viel Zeit haben“ wirkt fast schon verdächtig. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem besonders frommen Menschen. Als ich sagte, dass ich mir bewusst auch Zeit für Erholung nehme, schaute er mich misstrauisch an: „Zeit habe ich dafür keine. Aber der Herr gibt mir mir die Kraft, meine Aufgaben zu erfüllen.“Ich fühlte mich in diesem Moment fast schuldig – als würde Gelassenheit bereits ein Mangel an Glauben sein.Zeit – relativ und doch kostbar
Auch die Physik widerspricht der Vorstellung einer absolut festen Zeit. Nach Einsteins Relativitätstheorie vergeht Zeit für verschiedene Beobachter unterschiedlich schnell – abhängig von Geschwindigkeit und Schwerkraft. Zeit ist Teil einer vierdimensionalen Raumzeit, die sich krümmt und verändert.
Und die Bibel? Der Prediger Kohelet sagt etwas Erstaunliches:
„Alles hat seine Zeit, und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ (Kohelet 3)
Diese Worte wirken beruhigend. Eine Zeit für dies – und eine Zeit für jenes. Ordnung mitten im Wandel. Drei Gedanken zum Umgang mit der Zeit werden mir dabei wichtig:Alles hat seine Zeit – Werden und Vergehen gehören zusammen. Foto: Mario Dobelmann / Unsplash
Lieben, lachen, weinen, streiten, reden, schweigen.Manches fordert sich geradezu ein – nicht, weil wir es planen, sondern weil es uns begegnet. Ein Mensch sagte einmal zu mir: „Dass wir uns jetzt begegnen, das ist kein Zufall. Das ist jetzt einfach dran.“ Vielleicht ist das eine geistliche Übung: wahrzunehmen, was jetzt dran ist – und es nicht hastig zu übergehen.
Geboren werden und sterben, verlieren und Abschied nehmen, Krankheit und Brüche. Diese Zeiten lassen sich nicht planen. Sie kommen. Eine alte Weisheit sagt: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen.“ Nicht alles liegt in unserer Hand. Das anzunehmen bleibt eine der schwersten Lebenslektionen.
Pflanzen, bauen, reden, versöhnen, entscheiden, wagen. Hier sind wir verantwortlich. Hier geht es darum, im richtigen Moment das Richtige zu tun – und die Folgen zu tragen. Gottes Führung zu erkennen, ist eine Lernaufgabe des Glaubens: Fragen, hören, abwägen, mutig werden.Schlag die Zeit nicht tot
Zeit ist kein Gegner, den man besiegen muss – und kein Objekt, das man ausquetscht wie eine Zitrone. Sie ist ein Geschenk, das verantwortlich genutzt werden will.Zeit will gegangen werden – nicht totgeschlagen. Foto: Jérémie Crausaz / Unsplash
Stell dir vor, du hättest eine Bank, die dir jeden Tag 86.400 Euro gutschreibt – und alles, was du nicht ausgibst, verfällt am Abend. Du würdest jeden Cent sinnvoll einsetzen. Genau so ist es mit der Zeit: Jeden Tag bekommen wir 86.400 Sekunden.Nichts lässt sich ansparen. Nichts übertragen. Nichts zurückholen. Die Frage ist nicht, ob wir genug Zeit haben – sondern wofür wir sie einsetzen. Für Beziehung oder für Hast? Für Sinn oder für Zerstreuung? Für Wachstum oder für Erschöpfung?
Vielleicht ist der Jahreswechsel genau der richtige Moment, nicht die Zeit festhalten zu wollen – sondern sie bewusster zu leben.