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Eine kleine, offene Gemeinde für Menschen, die fragen — und zweifeln dürfen.
Während die Welt rätselt, warum die USA an der Seite Israels in den Iran-Krieg gezogen sind, kennen Millionen amerikanischer Evangelikaler die Antwort längst – sie steht im Buch Ezechiel.Autor: Tadeusz Prokop, am 28.3.2026
Am Sonntagmorgen, dem 1. März 2026, bestieg John Hagee die Kanzel seiner Kirche in San Antonio, Texas. Die Cornerstone Church fasst 5.400 Sitzplätze; Millionen weitere verfolgen seine Predigten im Fernsehen. Statt Zuspruch, Trost oder dem Versprechen von Frieden – alldem, was man an einem Sonntagmorgen von einem christlichen Prediger erwarten könnte – sprach Hagee von der „brillanten Durchführung" des Militärschlags gegen den Iran. Und er versicherte seiner Gemeinde: Gott habe die Kontrolle. Dieser Krieg sei sein Plan.
John Hagee, Gründer von Christians United for Israel — Foto: Wikimedia CommonsMan könnte John Hagee als religiösen Sonderling abtun. Das wäre bequem – und falsch. Hagee ist der Gründer von Christians United for Israel, der größten Pro-Israel-Organisation der Vereinigten Staaten, mit nach eigenen Angaben zehn Millionen Mitgliedern. Er war 2017 im Oval Office. Er hat Präsidenten beraten – unter anderem überredete er Trump, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, was Trump ein Jahr später umsetzte. Und seine Theologie – der sogenannte christliche Zionismus – ist keine Nischenerscheinung mehr. Sie ist ein politischer Faktor, den Europa kaum wahrnimmt.
Eine Theologie mit LobbyistenChristlicher Zionismus klingt zunächst nach frommer Israelsolidarität. Doch dahinter steckt eine sehr konkrete Weltsicht: Der moderne Staat Israel wird mit dem biblischen Volk Israel gleichgesetzt – als direkte Fortsetzung der alttestamentlichen Verheißungen, ohne historischen Bruch, ohne Interpretationsspielraum. Die Rückkehr der Jüdinnen und Juden in dieses Land ist, nach dieser Überzeugung, die notwendige Vorbedingung für die Wiederkunft Jesu Christi. Israel ist kein normaler Staat. Es ist ein theologisches Projekt – Gottes Zeitplan, in Geopolitik übersetzt.
Was bedeutet das in der Praxis? Christians United for Israel betreibt ein professionelles Lobbybüro in Washington und setzt sich für eine enge US-israelische Allianz ein. Mitarbeiter kontaktieren gezielt Abgeordnete, um Gesetzesvorhaben zu beeinflussen – von Iran-Sanktionen bis zur israelischen Siedlungspolitik. An Universitäten organisiert die Bewegung Vorträge, Konferenzen und Seminare, um eine neue Generation für ihre Sicht zu gewinnen. Seit 2016 hat die Organisation fast 2,5 Millionen Dollar für diese Lobbyarbeit ausgegeben; allein im vergangenen Jahr flossen über 679.000 Dollar in Kampagnen rund um Iran- und Syrien-Sanktionen.Washington D.C. – hier wird aus Theologie Außenpolitik; Foto: Jeffrey Clayton / Unsplash
Das ist keine Frömmigkeit im stillen Kämmerlein. Es ist religiöse Überzeugung, organisiert wie ein Konzern – getragen von der Überzeugung, dass Gott jene segnet, die Israel segnen, und jene verflucht, die es verfluchen. So steht es im ersten Buch Mose, Kapitel 12. Für Millionen amerikanischer Evangelikaler ist das kein frommer Wunsch, sondern ein politisches Handlungsprogramm.
Iran als Kulisse der Apokalypse
Hagees Fixierung auf den Iran ist kein politisches Kalkül. Es ist Bibelauslegung. In den Kapiteln 38 und 39 des Buches Ezechiel sieht er eine Prophezeiung: Ein großer Krieg gegen Israel, an dem der Iran – in dieser Lesart das biblische „Magog" – eine zentrale Rolle spielt. Dieser Krieg, so die Überzeugung, wird die Endzeit einläuten. Er ist nicht zu verhindern. Er ist zu begrüßen.
Als im Herbst 2024 iranische Raketen auf Israel abgefeuert wurden und fast alle abgefangen werden konnten, sagte Hagee vor laufenden Kameras: „Wir brauchen keine Deeskalation." Kurz darauf organisierten seine Lobbyisten einen „Notfall-Einsatz" in Washington – um Abgeordnete zu drängen, härtere Maßnahmen gegen den Iran zu unterstützen.
„Es ist ein prophetischer Moment. Die Uhr Gottes tickt." — John Hagee, Oktober 2024
Freunde Israels – oder Schachfiguren?
Was auf den ersten Blick wie bedingungslose Solidarität wirkt, hat bei näherer Betrachtung einen befremdlichen Kern. Christians United for Israel betreibt keine Missionierung – Hagee betont ausdrücklich, dass es nicht darum gehe, Jüdinnen und Juden zum Christentum zu bekehren. Die Allianz mit dem jüdischen Volk ist strategisch gemeint: Die Rückkehr der Juden nach Israel und der Sieg über Israels Feinde sollen die Wiederkunft Jesu beschleunigen. In der Endzeit, so die Erwartung, werden Jüdinnen und Juden Jesus als Messias anerkennen – nicht weil man sie dazu drängt, sondern weil die Ereignisse sie dazu führen.Jerusalem – seit Jahrtausenden ersehnt, heute Brennpunkt einer religiösen Außenpolitik — Foto: Getty Images / Unsplash+Für viele jüdische Beobachter ist das kaum ein Trost. Sie sind, in den Worten der amerikanischen Rabbinerin Jill Jacobs, „notwendige Kulisse für eine messianische Vision" – Akteure in einem Heilsdrama, dessen Drehbuch andere geschrieben haben. „Das ist gewiss nicht pro-Israel", sagt Jacobs. Dass Israels Regierung diese Unterstützung dennoch annimmt – und Hagee regelmäßig nach Jerusalem einlädt – ist eine der ungemütlicheren Pragmatismen der israelischen Außenpolitik. Man braucht die Stimmen, also schaut man über die Theologie hinweg.
Eine Spaltung, die kaum jemand sieht
Der christliche Zionismus ist auch in den USA nicht unumstritten – und die Risse werden sichtbarer. Innerhalb der MAGA-Bewegung wächst eine Strömung, die das militärische Engagement im Nahen Osten unter dem Motto „America First" zunehmend kritisch betrachtet: Warum amerikanische Soldaten und amerikanisches Geld für einen Krieg, dessen Wurzeln in einer religiösen Agenda liegen?
Auf der anderen Seite steht das christlich-konservative Establishment, das die Unterstützung Israels nicht als politische Option, sondern als theologische Pflicht begreift – und diese Überzeugung längst in die Schaltstellen der Macht getragen hat.
Der Konflikt zwischen diesen beiden Lagern hat nun die Institutionen erreicht. Rund 200 Soldaten haben offiziell Beschwerde eingelegt – gegen einen Krieg, dessen Legitimation sie als „theologische Außenpolitik" empfinden. Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang: Nicht Pazifismus treibt diese Soldaten, sondern die Frage, wessen Heilsplan sie eigentlich dienen. Was lange eine Debatte in Kirchengemeinden und Washingtoner Denkfabriken war, ist damit in den Kasernen angekommen.
Was Religion mit Krieg zu tun hat
Kriege haben immer viele Ursachen: Öl, Einfluss, Rüstungsinteressen, Wahlarithmetik. Der Iran-Krieg ist keine Ausnahme. Aber wer die religiöse Dimension ausblendet, versteht ihn nicht vollständig. Eine Wählergruppe von zig Millionen Menschen, die Krieg als Gottes Willen betrachtet und dafür organisiert lobbyiert – das ist kein frommer Hintergrundlärm. Das ist ein politischer Faktor ersten Ranges.
Und es stellt eine Frage, die über Amerika hinausgeht: Was passiert, wenn religiöse Überzeugungen nicht mehr nur das Innenleben von Menschen prägen, sondern außenpolitische Entscheidungen mitformen – Entscheidungen, deren Folgen alle tragen?
Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Aber sie zu stellen, ist ein Anfang.