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Agape Österreich Nr 1.-2007

Alte Botschaft in neuer Verpackung
Schon der Lebensweg des Pfarrers der Evangelischen Gemeinde Judenburg ist als originell zu bezeichnen (Das Magazin ist zum Thema "Orginalität" erschienen, Anm.Adm.) jeden­falls aber mit vielen Umbrüchen und Aufbrüchen gesäumt. 1978 war Tadeusz Prokop in seiner polnischen Heimat zum Priester geweiht worden und arbeitete danach in einer „Riesengemeinde" in Posen. Nach drei Jahren verließ er Polen, ziemlich enttäuscht von den starren Strukturen der Kirche. Er kam als politischer Flüchtling nach Österreich. „Das bedeutete de facto auch den Bruch mit meiner katholischen Vergangenheit."
Bevor Tadeusz Prokop 1984 ein Studium an der evangelisch-theologischen Fakultät in Wien aufnahm, arbeitete er als Tischlerhelfer in einem steirischen Betrieb. Seit 16 Jahren hat Prokop die evangelische Pfarrstelle im steirischen Ju­denburg inne. Und hat da ungewöhnliche, durchaus „originelle" Wege eingeschlagen. Peter Rettinger hat ihn für die "einsicht" interviewt.

Was unterscheidet die Evangelische Gemeinde in Judenburg von anderen Evangelischen Gemeinden in Österreich
Unsere Gemeinde setzt sich seit mehr als 10 Jahren leidenschaftlich für Suchende ein. Diese  Ausrichtung hat uns verändert, d.h. wir haben uns von allen lieb gewordenen Traditionen, die allerdings den anderen den Zugang zu uns versperrt haben, verabschiedet. Diese Entwicklung ist am deutlichsten in der Gestaltung unserer Gottesdienste zu erkennen. Kein einziger Gottesdienst wird bei uns vom Pfarrer allein gehalten – der sich übrigens von anderen nicht mehr durch das Amtsgewandt unterscheidet - sondern ausschließlich vom Team. Kirchenjargon ist absolut verboten. Zeitgemäße Musik und neue Lieder, Theaterstücke, Video- und Computereinsatz zwecks der technischen „Steuerung“ des Gottesdienstes  gehören selbstverständlich dazu und zwar Sonntag für Sonntag ohne Ausnahme.

Wie originell ist das, was Sie machen?
Nach dem Gesagten kein Kommentar mehr dazu! Ich hoffe nur, dass es immer weniger originell wird, sondern selbstverständlich. Denn um Menschen von Heute zu erreichen (ist das originell?) müssen wir unbedingt ihr Lebensgefühl treffen. Wir können sie nicht in den Museumsnischen abholen, weil sie sich in völlig anderen Räumen aufhalten.

Lässt sich das Bemühen um Originalität theolo­gisch begründen? Oder geht es lediglich dar­um, auf dem „Markt der Möglichkeiten" auf sich auf­merksam zu machen?
Unsere Devise: „Alte Botschaft in neuer Verpa­ckung" ist biblisch gut begründet, denken wir nur an Paulus, der „ein Jude für die Juden und ein Grieche für die Griechen" sein wollte. Menschen von heute, die „Griechen" sozusagen, kann man kaum mit kirchlichen Traditionen errei­chen. Übrigens: Theologisch haben wir viel bei der Willow-Creek-Gemeinde (eine Megagemeinde in Chicago, Anm.Adm.) gelernt, nach dem in der WCC-­Bewegung bekannten Motto: „Nicht kopieren sondern kapieren", vor allem was die Leidenschaft für die Suchen­den betrifft.

Wie groß ist die Chance, mit origi­nellen Methoden Kirchendistan­zierte für die Kirche und den christli­chen Glauben zu interessieren?
Nicht die Frage nach den origi­nellen Methoden ist wichtig, um die Suchenden zu erreichen, sondern die Überlegung, ob das, was man anbietet, wie gesagt, das Lebensgefühl der Menschen von heute trifft. Su­chende fragen sich beim Got­tesdienstbesuch, ob die Spra­che ihre Sprache ist, die The­men etwas mit ihrem Leben zu tun ha­ben und die Musik ihnen vertraut ist. Fällt die Antwort positiv aus, ist die Chance da, dass sie immer wieder die Gemeinde besuchen werden und die Hoffnung ist berechtigt, dass sie sich mit der Zeit auch am Leben der Ge­meinde aktiv beteiligen, ja diese sogar mittragen werden.

Wie innovativ kann man in einer Kirche mit langen Traditionen und festen Strukturen sein?
Ja, das ist ziemlich schwer, da man bekanntlich den jungen (neuen) Wein nicht in alte, brüchige Schläuche füllt (Mt 9,16). Mit Gottes Hilfe ist allerdings alles möglich.

Und wie kommen die „alteingesessenen“ Gemeindeglieder mit den Veränderungen zurecht?
Unsere Gemeinde hat keine ausgeprägte, konfessionelle Tradition gehabt, was in der Region geschichtlich begründet ist. Der anfängliche Widerstand gegen die Veränderung ist deshalb nicht im kirchlichen Traditionalismus zu suchen, sondern vielmehr in der Tatsache, dass ältere Menschen sich mit Veränderung grundsätzlich etwas schwerer tun als jüngere und die letzteren haben gänzlich gefehlt. Die älteren Gemeindemitglieder sind aber inzwischen sehr froh über die Veränderungen, die stattgefunden haben. Das ist immer wieder zu hören.

Strukturelle Veränderungen in der Judenburger Gemeinde haben zuallererst beim Gottesdienst angesetzt. Wieso gerade da?
Weil Gottesdienst eine Visitenkarte der Gemeinde ist und eine „Veranstaltung“, über die potentiell noch immer viele Menschen erreicht werden können. Außergottesdienstliche Aktivitäten unter der Woche werden bei uns kaum angenommen.

Wie sind die neuen Gottesdienste entstanden?
In der ersten Phase hat das Presbyterium auf mei­nen Antrag hin eine Planungsgruppe zur gottes­dienstlichen und gemeindlichen Entwicklung einge­setzt. Diese traf sich drei Jahre lang in wöchentli­chen Abständen. In der zweiten Phase wurde dem Presbyterium ein Gemeindeauftrag vorgelegt, in dem der erste von drei Punkten für weitere gottes­dienstliche Entwicklung ausschlaggebend war: „Wir wollen eine offene und einladende Gemeinde sein." Danach wurden nach längerer Diskussion im Pres­byterium auch die Richtlinien für den Gottesdienst vereinbart, die zukunftsweisend waren. Diese blen­den wir auch heute noch in jedem Gottesdienst ge­gen Schluss ein: „Unsere Gottesdienste sind kreativ, leicht verständlich, mit den Themen aus dem Leben und für das Leben." Seit damals - Mitte der 90er Jahre - werden gottesdienstliche Themen quartals­mäßig zwecks der Werbung in Folderform gedruckt. Im vergangenen Jahr hat das Presbyterium weitere, durch die Entwicklung der Gemeinde notwendig gewordene Strukturierungen vorgenommen: zwei Gottesdienste im Monat für Suchende, einer davon ist Familiengottesdienst und zwei für Glaubensver­tiefung - alles selbstverständlich in offener Form!

Wie wird „Leitung“ in der Evangelischen Gemeinde in Judenburg wahrgenommen und praktiziert?
Ich habe ein Presbyterium, das aus wirklichen Ge­meindeleiterlnnen besteht. Einige von ihnen stam­men aus dem Kreis der ehemaligen Suchenden, die die durch unsere Gottesdienste erreicht wurden. Da unsere Gemeindeleiter auch tatsächlich am Gemeindeleben aktiv teilnehmen, sind bei den „amtlichen“ Zusammenkünften Fragen zur geistlichen Leitung der Gemeinde eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur also Finanzen, was natürlich auch wichtig ist, sondern auch Spiritualität, Evangelisation, Gemeindestrukturen, Gottesdienste und andere geistliche Schwerpunkte. In der Regel wird ein Viertel der Sitzungszeit der geistlichen Arbeit gewidmet um bewusst nach dem Willen Gottes für unsere Gemeinde zu fragen. Und einmal im Jahr gibt es mehrstündige Einzelgespräche mit Gemeindeleitern, die von mir angeboten werden und in denen die Leitungsaufgaben und die Effizienz besprochen werden.

Was hat sich seit der Einführung neuer Formen im Gemeindeleben verändert?
Zuerst nicht viel. Es hat mehrere Jahre gedauert, bis sich überhaupt etwas sichtbar verändert hat. Der „geistliche Durchbruch“ kam erst vor drei Jahren und zwar – wie oft in der Strategie Gottes – zu einem Zeitpunkt, wo am wenigsten damit gerechnet wurde. Ein wenig dazu hat uns sicherlich auch der Neubau unserer Kirche geholfen, die in ihrer architektonischen Form ausgezeichnet zum Konzept passt. Mittlerweile wurde unsere Gemeinde tatsächlich rundherum erneuert. Auffallend ist vor allem, dass jüngere Menschen zwischen dreißig und vierzig mit Kindern das Bild der Gemeinde prägen. Die meisten kamen zu uns, weil sie auf der geistlichen Suche waren. Einige von ihnen gestalten das Leben der Gemeinde aktiv mit, ja haben sogar die Leitung der Gemeinde inne.

Worin besteht (bestehen) für die Evangelische Gemeinde in Judenburg zurzeit die größte(n) Herausforderung(en)?
Viele Suchende, die bei uns Fuß gefasst haben, wünschen sich vermehrt ein Zusatzangebot für ihr christliches Leben. Da bei uns traditionelle Angebote wie Frauen- oder Bibelarbeit keinen Sinn ergeben, hat die Gemeindeleitung die Gründung von Hauskreisen beschlossen. Zwei Presbyter haben die Leitungsübernahme von solchen Kreisen als ihre Berufung für die nächste Zeit erkannt. Zurzeit finden Hauskreisleiterkonferenzen statt, in denen die Aufgaben besprochen werden. Der Startpunkt wurde für Herbst festgelegt.

Was würdet ihr „Nachahmern“ als Empfehlung mit auf den Weg geben?
Nach unserem Fernsehgottesdienst zum Reformationstag 2006 rief mich ein jüngerer Kollege an, der vom Gottesdienst sehr angetan war und fragte nach den Tipps für die Erneuerung seiner Gemeinde. Ich habe ihm gesagt, dass er erstens viel Zeit dazu braucht, da in einer alten Kirche die Veränderung von Heute auf Morgen einfach nicht möglich ist. Zweitens: Was man braucht ist eine klare Vision von der er als Pfarrer in einer pfarrerzentrierten Kirche selber überzeugt sein muss. Ich bin der Meinung, dass bei uns die Reformen vor allem am Bodenpersonal scheitern. Diese Vision muss zuerst auch unbedingt von einigen Menschen mitgetragen werden um mit der Zeit die Mehrheit der Gemeinde dafür zu gewinnen. Und schließlich: Auf dem Weg der Veränderung muss man viel aushalten, einiges einstecken und vor allem wissen, dass es ohne geistlichen Kampf und mancherlei Anfechtungen, die viel Kraft verlangen, gar nicht möglich ist. Veränderungen sind kein leichter Spaziergang, sondern eine harte Arbeit.

Blue Flower

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